Alle Artikel aus dem Jahr:

2019

Die scheinbare Macht des Geldes

Es führt in die Irre, wenn man die Macht von Einzelpersonen oberflächlich aus bestimmten Ämtern oder Vermögen ableitet, aber die in der Realität vorliegenden Beschränkungen ignoriert. Formal ist die Bundesverteidigungsministerin die Oberbefehlshaberin von 200.000 schwer bewaffneten Soldaten. Oberflächlich betrachtet ist das mehr als genug Macht, um die Kontrolle im Land an sich zu reißen. In der Realität unterliegt der Oberbefehl aber erheblichen Beschränkungen: Er kann nur in sehr begrenzter Hinsicht ausgeübt werden – im Rahmen der Gesetze, soweit die Soldaten folgen und soweit Bundeskanzlerin, Bundestag und Öffentlichkeit die konkrete Ausübung zumindest dulden. In der echten Welt ist mit dem oberflächlich mächtig erscheinenden Oberbefehl also ein nur sehr geringer diskretionärer Gestaltungsraum, ein sehr geringes Maß an realer Macht verbunden.

Mit großen Akkumulationen von Geld verhält es sich ähnlich: Blackrock verwaltet zwar mit mehr als sechs Billionen(!) Dollar, ein Vermögen, das einem Vielfachen des jährlichen Staatsbudgets Deutschlands entspricht. Allein: Der Großteil das Geldes wurde Blackrock von Anlegern für sogenannte ETF überlassen, also mit einer konkreten Anweisung, nach welcher Verteilung das Geld in welche Unternehmensanteile investiert wird – die Blackrock schlicht gegen eine Gebühr technisch ausführt. Wieder existiert nur ein sehr geringer diskretionärer Gestaltungsraum aus dem heraus Macht ausgeübt werden kann – auch wenn Blackrock sich in der öffentlichen Kommunikation gerne mächtiger darstellt.

Auch der gemeine Milliardär in Westeuropa ist lange nicht so mächtig, wie man sich das vielleicht vom Vermögen her vorstellen mag: Kaufen kann er sich zwar allerlei Luxus, aber vieles geht eben auch nicht. Eine Armee aufstellen und physisch Macht ausüben? Im Rahmen der Gesetze ist das nicht möglich und außerhalb wird der demokratische Rechtsstaat zeigen, wer wirklich die Macht hat. Ganze Landstriche aufkaufen? Versuchen kann man es, aber auch hier wird der Widerstand zügig Grenzen setzen. Politisch Einfluss nehmen? In bestimmtem Maße mag Geld hier helfen, aber selbst, wenn man Milliarden ausgibt, wird man nicht den gleichen Einfluss haben, wie ihn ein charismatischer Parteivorsitzender gleichzeitig ausüben würde. Und hier ist noch außer Acht gelassen, dass die deutsche Öffentlichkeit sicherlich sensibel auf den Versuch reagieren würde, sich politische Macht zu kaufen. Mit Verbrechen durchkommen? Alles Geld der Welt bedeutet gar nichts, wenn der bundesdeutsche Staatsanwalt Haftbefehl erlässt und die Polizei an der Türe läutet. Ein Milliardär mag auf dem Papier mächtig erscheinen, in der realen Welt ist er auch nur ein Mitbürger, der sich ziemlich viel Luxus leisten kann.


Endgame Fallacy

Komplexität reduzieren zu können und dadurch Sachverhalte diskutierbar und vor allem Probleme lösbar zu machen, ist eine der Kernfähigkeiten in der Moderne. Es gibt dafür unterschiedliche Tricks und Kniffe. Ein Trick, dem ich immer wieder begegne, bezeichne ich als Endgame-Betrachtung: Manchmal sind Entwicklungen komplex, man kann aber relativ gut beschreiben, was für ein Zustand an deren Ende besteht. Man beschreibe also diesen Endzustand und leite daraus dann Handlungen ab, ohne jedes Zwischenstadium mitdiskutieren zu müssen.

Mit dieser Komplexitätsreduktion geht aber gewöhnlich noch etwas anderes einher: Der Verlust von Zeitlichkeit. Und das ist oft problematisch. Denn meistens spielt es eben doch eine Rolle, ob das Endgame sehr zeitnah oder erst in ferner Zukunft erreicht wird – und vor allem auch, ob man sein Eintreten früher herbeiführt oder hinauszögert.

Ein Beispiel: „In the long run we’re all dead“ (Keynes) ist unzweifelhaft richtig. Ob man früher oder später stirbt, ist aber schon nicht unwichtig. „Wenn ich im Endgame eh tot bin, kann ich eigentlich (heute) auch die Nahrungsmittelaufnahme einstellen“ ist daher auch ein offensichtlich depperter Vorschlag. Relativ oft begegne ich allerdings Endgame-Betrachtungen, wo genau so etwas abgeleitet wird.

Man sei also auf der Hut vor dieser Fallacy. Es sei denn, man will betrügen – dafür eignen sich Endgame-Betrachtungen relativ gut...


Aporie des teuren Hochgenusses

Es gibt von einem selbst ausgehende Handlungen bei denen man, egal wie die Sache endet, nur verlieren kann. Offen im Moment der Ausführung ist ausschließlich, wie sehr man verliert.

Eine solche Handlung ist zum Beispiel, sich wider aller Hemmungen irgendwann doch einmal eine sehr, sehr teure Flasche Wein zu gönnen. Noch am wenigsten verliert man, wenn diese Flasche Wein eine Enttäuschung ist. Man hat dann einige hundert Euro in den Sand gesetzt für ein Vergnügen, das man deutlich billiger auch hätte haben können. Wirklich zur Erkenntnis gelangt, ob teurer Wein sich lohnt, ist man auch nicht. Es könnte ja auch gerade diese eine Flasche – und nur diese eine – so enttäuschend sein, alle anderen teuren Weine sind vielleicht doch Gottesnektar.

Doch es geht noch schlimmer: Was ist, wenn der teure Wein doch so gut ist, wie es sein Preis erwarten lässt? Dann ist man ruiniert. Denn ab sofort wird kein günstigerer Wein mehr munden. Man muss jetzt wirklich Geld verdienen und ansonsten sparsam leben, um sich regelmäßig den fast unbezahlbaren Genuss zu verschaffen. Und wer weiß: Vielleicht sind noch viel teurerer Weine einfach noch besser? Vom Glück ist man auf jeden Fall jetzt noch weiter entfernt.


Die Notwendigkeit der Rede im Unternehmen

Über die Notwendigkeit der Rede als Überzeugungsmittel in einer modernen Unternehmenskultur
Führungskräfte in Unternehmen haben schon immer viel gesprochen – zu viel wird mancher sagen. Daran wird sich wahrscheinlich auch in Zukunft nicht viel ändern. Doch der Charakter des Gesprochenen wird da, wo es mit der Modernisierung ernst gemeint ist, ein anderer sein. Wo es vorher um das Entscheiden und das Mitteilen von Entscheidungen ging, geht es jetzt um das Überzeugen – das erfordert eine völlig andere Kommunikation. Und das Mittel des Überzeugens schlechthin ist die Rede.

Einer der merkwürdigsten Momente in Konzernmeetings ist folgender: Man ist eine oder zwei Minuten über die vereinbarten Zeit, alle Eingeladenen sitzen schon angespannt auf ihren Plätzen, nur einer fehlt: Der ranghöchste Manager. Und ohne ihn kann auf keinen Fall begonnen werden. Allenfalls wird ein Tanz aufgeführt, der den Start des Meetings bloß nachahmt, ihn aber auf keinen Fall vorwegnimmt. Wenn der wichtigste Teilnehmer dann doch verspätet erscheint, geht es so oder so, ohne viel Aufheben darum zu machen, noch einmal von vorne los. Denn dem Ranghöchsten stehen Eröffnung, Moderation und Schlusswort zu.

Kritik an Powerpoint: Problematische Dominanz

Ein kritischer Blick auf die mit der Nutzung von Powerpoint einhergehenden Kommunikationseinschränkungen
Das Deckblatt einer Präsentation. Nicht einmal zu einer inhaltlichen Überschrift hat es gereicht.Inhalt und Form von Kommunikation bedingen sich gegenseitig. Das heißt: Das gewählte Kommunikationsformat beeinflusst auch die Inhalte, die kommuniziert werden. Informationsvermittlung in Unternehmen erfolgt primär in der Form von Powerpoint-Präsentationen. Und das beeinflusst den transportierten und transportierbaren Inhalt erheblich.

Eigentlich war Powerpoint einmal als Tool zur Unterstützung von Präsentationen gedacht: Einem Vortragenden sollte ein digitales Tool an die Hand gegeben werden, mit dem auf einfache Weise das parallel Gesprochene visualisiert werden kann, im Wesentlichen in Form von Diagrammen, Grafiken und zusammenfassenden Bulletpoint-Listen. Im ursprünglichen Kontext steht die Präsentation am Ende des Schaffensprozesses: Nachdem man ein Thema inhaltlich bearbeitet, verstanden, womöglich – universitär gedacht – schriftlich ausgearbeitet hat, soll die Erkenntnis jetzt auch noch bewusst vereinfacht vermittelt werden. Das ist dann der Moment – bisher war an Präsentationen mangels Substanz ja noch gar nicht zu denken – in dem Powerpoint das erste Mal angeklickt wird. Die Phase des inhaltlichen Arbeitens ist dann bereits abgeschlossen, jetzt wird ausschließlich vermittelt. Beide Phasen sind grundsätzlich erst einmal scharf getrennt.

Kategorien: Allgemeine Betrachtungen | Technologie | Unternehmenskultur
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