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Technologie

2020

Disruptive Zeiten – wirklich?

Ich weiß nicht, wie oft ich schon gehört habe, dass wir in disruptiven Zeiten leben würden. So disruptiv, wie noch nie zuvor. Typischer Beleg: Das Benutzerwachstum bei Facebook & TikTok. Der disruptive Superlativ ist natürlich Unfug. Heuristik: Man stelle sich einmal vor, dieses nie zuvor einem Menschen vortragen zu müssen, der 1900 in Königsberg geboren wurde. Oder einem Menschen, der 1820 in Frankfurt geboren wurde. Oder einem, der 1780 in Paris geboren wurde. Überzeugend wird das alles nicht – Facebook! TikTok! Benutzerwachstum! sind einfach kein Maßstab von Gewicht, wenn es um die Disruption von Lebensentwürfen geht. Grüße aus der Jugendliteratur von Klaus Kordon.

Bisher habe ich den disruptiven Superlativ und dessen Verwendung für ein Anzeichen von Naivität gehalten, aber alles in allem für unproblematisch. Da bin ich mir allerdings nicht mehr so sicher, denn einen Nachteil bringt die Haltung, man würde in besonderen Zeiten leben, doch mit: Man versperrt sich die Möglichkeit von der Vergangenheit zu lernen und schneidet sich damit von einer der wichtigsten Quellen von Wissen und Innovation ab. Mit gutem Grund hat einer der erfolgreichen und innovativsten Manager in wirklich disruptiven Zeiten, der Generalfeldmarschall Moltke (Jugend: Däne, Kavallerieangriffe mit Säbel nach Botenritt. Im Alter: Preuße, Artilleriegefechte nach telegraphischer Meldung) in einer seiner größten Innovationen, dem Großen Generalstab, als eine von vier Abteilungen eine kriegsgeschichtliche eingerichtet. Der spätere Erfolg gibt ihm recht: Innovation lernt man auch aus der Geschichte.


Zwei Beobachtungen

(i) Seitdem wir ins Homeoffice verbannt sind und ich daher permanent vor einem Monitor, einer Maus und einer Tastatur sitze, male ich wieder viel mehr Powerpoint-Folien selbst. In den letzten Jahren habe ich das nur selten getan. Meistens habe ich nur handschriftlich Skizzen entworfen, diese verteilt und dann in kurzen Meetings die fertigen Folien kommentiert. Typische Führungskraft eben.

(ii) Früher war mein privates Standard-Device ein üblicher Laptop, natürlich mit physischer Tastatur. Die meisten Leerlaufzeiten habe ich damit verbracht, irgend etwas in diese Tastatur zu tippen. Entweder Texte oder ich habe herumprogrammiert oder einfach nur an der Konsole eines meiner Server rumgespielt. Heute dagegen ist mein Standard-Device ein Tablet – ohne physische Tastatur. Die meiste Zeit verbringe ich jetzt damit, Texte zu lesen. Die meisten Websites erreiche ich mittels Favoriten oder mittels Autovervollständigung nach Eingabe der ersten zwei bis drei Zeichen.

Vielleicht bestimmt das Werkzeug das ausgeübte Handwerk stärker als es einem lieb ist.


2017

Das Internet vs. Social Media

Es muss 1998 oder 1999 gewesen sein, als ich das erste Mal am eigenen PC das Internet erkunden konnte. Damals ein anarchischer Raum, der schon allein durch seine sofort sichtbare Unvollkommenheit jeden dazu eingeladen hat, selbst sein Mögliches dazu beizutragen. Ein paar E-Mails an Webmaster hinter Websites mit ähnlichen Themen, zu gegenseitiger Verlinkung einladend, und schon war man drin.

Auch Oberflächlichkeiten (dem Trend blinkenden GIFs zum Trotz) waren nur von peripherer Bedeutung, das Internet war ein Medium zum Austausch von verlinkten und verlinkenden Fließtexten. Im Mittelpunkt standen Informationen. Es war herrschaftsfrei, jeder konnte mitmachen, ohne sich irgendwelchen Regeln und Konventionen fügen zu müssen, die sich nicht zwingend aus der zugrungeliegenden Technik ergaben.

Heute, 2017, hat sich das Rad weitergedreht, jetzt sind wir bei informationsarmen, maximal sprücheklopfenden Kurznachrichten (Twitter), komplett standardisierten Selbstdarstellungen (Facebook) und beinahe vollständiger Textfreiheit (Instagram) angekommen, das Ganze auch noch der vollständigen Kontrolle der jeweiligen Plattformbetreiber unterworfen. Social Media ist das Gegenteil des Internets.


Kategorien: Allgemeine Betrachtungen | Technologie | Unternehmenskultur
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