MEINE TEXTE
Es ist noch nicht allzu lange her, da konnte man Beiträgen von völlig Fremden in einem Onlineforum, das einem eine Google-Suche vorher noch gänzlich unbekannt war, fast bedingungslos vertrauen, weil schon auf den ersten Blick erkennbar war, dass dort eine fachkundige Community kuratierte. Diese Zeiten sind dank Plattformifikation und KI-generierter Texte leider – vermutlich unwiederbringlich – vorbei. In einem Feld allerdings hat es erheblichen Fortschritt gegeben: Texte sind heute aufgrund von Verbesserungen rund um die Typographie zumindest deutlich ansehnlicher.
Für Text ist Typographie offenkundig wichtig: Von den Zeichen und ihrer Setzung hängt nicht nur die Lesbarkeit ab, sie bestimmen auch die Ästhetik einer textlastigen Website. Das ästhetische Ideal ist Harmonie. Eine ideale Schriftart sollte bei genauer Betrachtung als schön empfunden werden, sie sollte allerdings gleichzeitig nicht so aufdringlich schön sein, dass ihre Schönheit alles andere – vor allem den Inhalt des Textes – überdecken könnte. Es steht ihr nur eine schwache autonome Note zu, zentral bleiben soll allein der Inhalt des Textes.
Den vermutlich größten Verdienst an der Verbesserung rund um die Typographie im Internet hat ein Konzern, der einst das Internet selbst erfolgreich zu machen als Voraussetzung für den eigenen Erfolg gesehen hat: Google hat nicht nur mit seinem Browser Chrome Webdesignern ermöglicht, auf einfache Weise eigene Schriftarten einzubetten. Google hat auch mit Google Fonts jedem Webdesigner (unterstützt von vielen Freiwilligen) eine breite Auswahl an Open-Source-Schriftarten an die Hand gegeben. Selbst wenn noch Modifikationswünsche an diesen bleiben: Dank der offenen Lizenzen und der Open-Source-Software FontForge gelingt es mit begrenztem Aufwand an die perfekte Schriftart zu gelangen.
Diese Website verwendet modifizierte Versionen von Source Serif und Source Sans. Beide Schriftarten sind zwar schön, doch so weit verbreitet (beispielsweise bei FAZ.net), dass sie kaum mehr auffallen. Die weiteren Anforderungen waren folgende: Die Großbuchstaben sollten nicht zu breit sein (im Deutschen werden diese ja recht exzessiv verwendet), das Textbild sollte ungefähr dem von Bitstream Charter entsprechen und die Schriftart sollte moderne kontextabhängige Features unterstützen (beispielsweise ein angehobener Doppelpunkt in Uhrzeiten). Die erste Eigenschaft brachte die Source-Familie mit. Zur zweiten passten die Zeichen schon hervorragend, die Zeichen- und Wortabstände ließen sich mit FontForge anpassen, genauso die kontextabhängigen Features einbauen.
Diese Website soll primär Text ohne viel Ornament und Verzierung anzeigen. In 2026 ist dies dankenswerterweise ohne viel Aufwand recht ordentlich möglich. Das Internet wird dadurch vielleicht nicht besser – es wird aber zumindest schöner.
Geschrieben im April 2026 | Kategorie: Technologie
Es gibt Sätze, die können in wenigen Worten ganze Weltbilder erschüttern. Ein solcher Satz: »Die letzte Hoffnung des Menschen gilt der Ungerechtigkeit Gottes.« (Nicolas Gomez Davila)
Sich ungerecht behandelt zu fühlen, ist einfach. Sucht man danach, lassen sich leicht an jedem Tag dutzende Anlässe finden, bei denen man nicht das erhält, von dem man glaubt, dass es einem gerechterweise zustünde. Dann ist es geradezu logisch, Gerechtigkeit einzufordern mit allen – für einen in der konkreten Situation vorteilhaften – Konsequenzen.
Wenn aber der Mensch nach einem hoffentlich langen und glücklichen Leben vor seinen Schöpfer tritt, spätestens dann verstummt der Ruf nach Gerechtigkeit. Denn der Schöpfer möge ihm doch alle Sünden und Fehler dieses langen Lebens nachsehen und ihm den Weg in den Himmel nicht wegen einiger Lässlichkeiten und Lappalien versperren. Gerechtigkeit? Sie käme gerade sehr ungelegen, jetzt wäre es doch besser, nur ein einziges Mal ungerecht behandelt zu werden. Und als Christ könnte man Glück haben: Denn Jesus Christus – nicht man selbst – ist für die Sünden der Menschen gestorben, deswegen bleibt die Hoffnung auf Erlösung. Das Christentum ist eine ungerechte Religion.
Der Zweifel könnte auch schon früher und alltäglicher einsetzen: Denn sucht man gründlich, zeigt sich schon zu Lebzeiten: Die meisten Ungerechtigkeiten, die einem widerfahren, sind solche, bei denen man von ihnen profitiert. Unverdienter Gewinn (Liebe?) trifft einen in unserer Welt so viel häufiger als unfairer Verlust. Man mag weiter über jeden unfairen Verlust und jede empfundene Benachteiligung klagen, aber urteilt man ehrlich: In Summe lebt es sich doch für einen in der realen, ungerechten Welt schon besser als in einer, in der jeder nur das bekommt, was ihm gerechterweise zustünde.
Geschrieben im Januar 2026 | Kategorie: Zitate
Als Manager ist man selten gezwungen, sich mit der eigenen Fehlbarkeit zu beschäftigen. Denn egal, wie absurd die Entscheidung im Nachhinein erscheint: wenn man sie nicht sogar als Ausweis einer herausragenden Risikobereitschaft ins Schaufenster stellen kann, gibt es doch zumindest immer ein Umfeld, das in der Entscheidung mit drinhängt und schon deshalb begonnen hat, eine Geschichte zu erfinden, warum bei den damaligen Zielen und Bedingungen diese Entscheidung die einzig richtige war. Das mag sich zwar für einen im ersten Moment gut anfühlen, auf Dauer ist es gleichwohl tödlich, verliert man doch jede Anpassungsfähigkeit, wenn man die kritische Reflexion des eigenen Wirkens – gerade im Fall des Irrtums – endgültig verlernt hat. Aber erstmal kann man sich trotz Fehlschlägen weiter für genial halten.
Umso wichtiger ist es für Manager und alle anderen, die sich noch in der größten Krise aus der Verantwortung herausreden können, sozusagen kompensatorisch hin und wieder einen Schritt in eine Welt zu wagen, in der Ausreden völlig unnütz und vergeblich sind. Für mich ist dies die Welt des Programmierens. »Programmieren ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Fehlbarkeit« (Kathrin Passig). Entweder der Code läuft oder er läuft nicht. Und wenn er nicht läuft, liegt das ausschließlich an einem selbst – im besten Fall am eigenen (dann zwingend aufzuarbeitenden) Falschverstehen und im schlechtesten schlicht an der eigenen Schlampigkeit. Nach einem Tag des Programmierens, nach stundenlangem Debuggen aufgrund eines Typos an unwahrscheinlicher Stelle, freut man sich, dass der Code tut, was er soll – für genial hält man sich aber keinesfalls mehr.
Selbstironie ist eine Form des Umgangs mit der eigenen Niederlage. Sie ist eine männliche Form – von Frauen sind traditionell andere, emotionalere Formen gesellschaftlich akzeptiert. Sie ist aber vor allem eine Form, die darauf verzichtet, emotionale Belastung auf andere zu übertragen. Selbstironie unterhält den Rezipienten, sie lässt ihn lachen. Die Belastung belässt sie beim Sender, von diesem fordert sie Disziplin und Menschenliebe. Das Umfeld honoriert sie, wird sie als Prinzip gelebt, gelegentlich dadurch, dass es einen für von Charakter hält.
Selbstironie ist nicht die Form der Gegenwart. Die Forderung nach mehr Emotionalität hat breite Unterstützung. Auch Männer sind heute dazu aufgerufen, Gefühle zu zeigen. Das ist die logische Folge der egoistischen Auslegung des Individualismus: Warum seine emotionale Belastung allein tragen, wenn einer sich selbst noch so geringe Minderung verschaffen kann, indem er andere zu sich runterzieht? In dieser Welt verschwindet die Selbstironie genauso, wie das hart erarbeitete, logisch argumentierte Sachargument im politischen Diskurs durch die emotionale Einlassung verdrängt wird.
Geschrieben im September 2025 | Kategorie: Betrachtungen
»Wer orientiert ist, heimst den Lorbeer ein. Die neue Welt wurde nach Amerigo Vespucci benannt und nicht nach Kolumbus, der sie entdeckt hatte. Aber Kolumbus glaubte bis an sein Ende, daß er nur einen neuen Seeweg befahren hätte, während Vespucci der erste war, der sich für den Entdecker eines neuen Kontinents hielt. Das war mehr als eine Entdeckung, es war eine Konzeption.
Wer zuerst eine Sache richtig benennt, hat den Vorrang vor dem, der sie zuerst gesehen hat. Beiden überlegen ist derjenige, der eine Sache richtig benennt, bevor er sie gesehen hat.« (Ernst Jünger, Sgraffiti, 1960)
Geschrieben im September 2025 | Kategorie: Zitate
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