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Metaebene vs. Demokratie

Demokratie heißt, dass Menschen mit unterschiedlichen Interessen in einem mehr oder minder geordneten Verfahren miteinander aushandeln, was dem Gemeinwohl entspricht. Der Prozess der Mehrheitsbildung und Kompromissfindung ist kompliziert und das Ergebnis selten vorhersehbar, der Ausgangspunkt aber ist geradezu banal: Man artikuliert seine Interessen und bringt sich so in den demokratischen Prozess ein.

Seine Interessen zu artikulieren, hat allerdings nicht den besten Leumund. Der gemeine Akademiker will zeigen, wieviel mehr er von der Welt versteht. Deswegen redet er nicht davon, was er persönlich gut oder schlecht findet, er geht auf die Metaebene und gibt seine Einschätzung des politischen Prozesses zum besten, »Politics« statt »Policy«: Welchem politischen Akteur nützt die Diskussion? Inwiefern würden durch sie »die Bürger« Vertrauen in die Demokratie verlieren oder gewinnen? Welche verheimlichte Absicht verbirgt sich hinter einem Vorschlag?

Natürlich wirkt man mit Meinungen zu solchen Fragen wirklich sehr viel klüger auf seine Zuhörer, dafür hat man ja auch Politikwissenschaften studiert. Allein, der politische Prozess geht an diesem Wechsel auf die Metaebene zugrunde. Eine Diskussion dazu ist nicht nur langatmig, sie ist auch völlig unproduktiv. Auf diesem Weg lässt sich nicht erarbeiten, was dem Gemeinwohl entspricht, es ist ja auch gar nicht mehr das Ziel. Alles, was daraus resultiert, ist eine große Lähmung – der Fluch der gegenwärtigen deutschen Politik.

Geschrieben im Juni 2026 | Kategorie: Betrachtungen

Späte Einsichten

Im Schulbuch war die Sache noch eindeutig: 1848 begehrt das deutsche Volk auf gegen seine Könige und Fürsten. Es fordert Demokratie, Menschenrechte und Freiheit. Also eine Auseinandersetzung zwischen Gut, dem aufbegehrenden, tapferen Volk, und Böse, den machtgierigen Königen und ihren Lakaien. Alles recht eindeutig also. Doch ein kleines Störgefühl blieb: Warum, wenn doch das Volk so im Recht ist und so geschlossen aufbegehrt, warum gewinnen dann am Ende doch die Fürsten?

Jahre später lese ich Bismarcks Autobiographie [1]: Bismarck berichtet, wie er dieser revolutionären Tage auf sein Landgut kommt. Dort haben sich die Bauern bewaffnet und fordern ihn auf: »Fürst, führ’ uns an, wir marschieren auf Berlin und befreien unseren König!« Es fällt einem wie Schuppen von den Augen. Die Revolution wird nicht so breit unterstützt, wie man gedacht hat. In den Städten mag sie Unterstützer haben, die Bauern aber, von den Hohenzollern aus der Leibeigenschaft zu bescheidenem Wohlstand geführt, unterstützen ihren König. Und wenn Städter auf Bauern treffen, wissen wir wie ein Händel ausgeht. Deswegen gewinnen die Fürsten. Es ist wieder recht eindeutig. Nur eben hundertachtzig Grad gedreht.

Ein weiterer vermeintlich eindeutiger Fall: Wieder im Schulbuch findet sich die Reichtagsrede Otto Wels’ gegen das nationalsozialistische Ermächtigungsgesetz. Man ist nach der Lektüre felsenfest überzeugt, dass sie eine große Rede ist. Er bringt nicht nur den Mut auf, Hitler trotz aller Drohungen entgegenzutreten, er würde auch absolut zwingend argumentieren. Die Sozialdemokraten führten den Kampf um die außenpolitische Gleichberechtigung und Selbstbestimmung nach Versailles genauso leidenschaftlich wie die Nationalsozialisten. Wer wie Hitler im Äußeren Gleichberechtigung und Selbstbestimmung verlange, dürfe nicht – wie die Nationalsozialisten mit dem Ermächtigungsgesetz – im Inneren diese verweigern und die Opposition unterdrücken. Noch dazu eine, die mindestens genauso patriotisch sei wie die Nationalsozialisten. Deutschlands Reputation in der Welt sei bedroht. Man denkt damals: Wels hat nicht nur die sozialdemokratische Ehre hochgehalten, er muss die Nationalsozialisten ins Herz getroffen und so die Debatte eindeutig gewonnen haben. Und doch bleibt wieder dieses Störgefühl: Warum ist die Sache dann nicht anders ausgegangen? Warum haben nicht spätestens nach Hören dieser Rede zumindest die Mitteparteien gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt, das dann ohne die notwendige Zweidrittelmehrheit geblieben wäre?

Wieder Jahre später: In einem der Bonner Museen höre ich über die Kopfhörer Wels’ Rede. Aber das Tonband endet nicht mit ihm, es folgt noch Hitlers mir bis dahin unbekannte Replik. Sie ist ein Schock. Hitler zerlegt Wels’ Rede: Wels würde jetzt patriotisch reden, aber wo sei dieser Patriotismus gewesen, als die SPD noch an der Macht war, wo 1918, fragt Hitler, anspielend auf die Dolchstoßlegende? Der Reputationsschaden, dafür sei die sozialistische Presse im Ausland verantwortlich. Wenn die Sozialdemokraten wirklich Patrioten wären, könnten sie dies spielend beenden. Unterdrückung im Inneren? Er listet auf, was die Nationalsozialisten erlitten zu haben meinen, als die SPD noch an der Macht war: Parteiverbot, Verfolgung, Haft. Was Wels vortrage, sei heuchlerisch. Oppositionsrechte seien ihm erst jetzt wichtig, wo seine Partei selbst in der Opposition sei. Die Nationalsozialisten würden nichts anderes mit der Opposition machen, als diese zuvor in der Regierung mit den Nationalsozialisten getan hätte. So verkehrt, aber ein Satz, zu dem es kaum eine Erwiderung gibt. Man will nicht, dass Hitler gewinnt, mit jeder Pore hofft man, dass er verliert. Und doch kann man sich des Gedankens nicht erwehren, dass er Wels rhetorisch geschlagen hat. Was sich vorm Hören der Replik noch bei Wels als geschicktes Argumentieren angefühlt hat, erscheint einem jetzt partiell als anbiedernd und insgesamt als Vorlage für Hitler. Wels bleibt ein Held, die Rede aber ist leider keine große. Wieder hat sich eine Beurteilung um hundertachtzig Grad gedreht.

Das sind zwei Sachverhalte, 1848 und Wels’ Rede, bei deren Beurteilung ich jahrelang geirrt habe. Es ist mir eine Warnung: Wenn man sich schon da so grundsätzlich und in der Rückschau so offensichtlich irrt, wo irrt man dann noch? Der Zweifel an den eigenen Überzeugungen bleibt immer berechtigt. Und besonders misstrauisch muss man sein, wo einem die Überzeugungen zu sehr gefallen.

Geschrieben im Mai 2026 | Kategorie: Betrachtungen

Aneignung, Ausdeutung & Aufladung

Aneignung, das heißt einen fremden Gedanken nicht nur zu übernehmen, sondern ihn gleichzeitig für seine eigenen Zwecke nutzbar zu machen. Der Kapitalismus ist berühmt dafür, sich selbst die ihm feindseligsten Gedanken noch anzueignen [1]: Punk, als antikapitalistischer Widerstand gestartet, ist heute der kapitalistischen Verwertungslogik unterworfen. Wer Punk sein will, kauft seine Accessoires bei Amazon. Leidet der Mensch an der Entfremdung der Arbeitsteilung, antwortet der Kapitalismus darauf. Wo immer sich gesellschaftlicher Wandel zeigt, gewinnen die, die sich seinen führenden Gedanken am schnellsten aneignen.

Ausdeutung ist der Weg, wie die Aneignung vonstatten geht [2]. Sich den fremden Gedanken auf die Fahne zu schreiben, ist nur der Anfang. Nutzbar gemacht wird er erst durch Ausdeutung. Umdeutung, also ihm eine völlig neue Bedeutung zu geben, ist keine Option. So naiv ist das Publikum nicht. Also geht es darum, seine gegebenen Inhalte zu ergänzen. Punk mag eine Haltung sein, Punk ist aber auch Mode und Musikgeschmack. Gegen Entfremdung mag das Ende der Arbeitsteilung helfen. Aber doch auch genauso ein (schein-)partizipativer Strategieprozess und ein verbindenden Unternehmensziel.

Aufladung braucht es dann als finalen Federstrich. Denn Ausdeutung bedeutet immer auch Banalisierung. Der ursprüngliche Gedanke wird so breit, dass er variabel, mithin flüchtig wird. Flüchtige Gedanken aber taugen nichts. Deswegen braucht es eine neue Aufladung durch maßlose Überbetonung: Sind wir nicht alle rebellische Business Punks? Steht unser Unternehmen nicht wie kein zweites für einen Sinn, der sich in jeder einzelnen Tätigkeit materialisiert? Und entscheidet nicht das aktuelle kulturelle Programm über Erfolg oder Untergang des Unternehmens? Die Kommunikation will exzessiv aufgeladen werden.

Aneignung, Ausdeutung und Aufladung, das sind die kulturellen Primärtechniken jeder (Unternehmens-)Transformation.

Geschrieben im Mai 2026 | Kategorie: Unternehmenskultur

Typographie

Es ist noch nicht allzu lange her, da konnte man Beiträgen von völlig Fremden in einem Onlineforum, das einem eine Google-Suche vorher noch gänzlich unbekannt war, fast bedingungslos vertrauen, weil schon auf den ersten Blick erkennbar war, dass dort eine fachkundige Community kuratierte. Diese Zeiten sind dank Plattformifikation und KI-generierter Texte leider – vermutlich unwiederbringlich – vorbei. In einem Feld allerdings hat es erheblichen Fortschritt gegeben: Texte sind heute aufgrund von Verbesserungen rund um die Typographie zumindest deutlich ansehnlicher.

Für Text ist Typographie offenkundig wichtig: Von den Zeichen und ihrer Setzung hängt nicht nur die Lesbarkeit ab, sie bestimmen auch die Ästhetik einer textlastigen Website. Das ästhetische Ideal ist Harmonie. Eine ideale Schriftart sollte bei genauer Betrachtung als schön empfunden werden, sie sollte allerdings gleichzeitig nicht so aufdringlich schön sein, dass ihre Schönheit alles andere – vor allem den Inhalt des Textes – überdecken könnte. Es steht ihr nur eine schwache autonome Note zu, zentral bleiben soll allein der Inhalt des Textes.

Den vermutlich größten Verdienst an der Verbesserung rund um die Typographie im Internet hat ein Konzern, der einst das Internet selbst erfolgreich zu machen als Voraussetzung für den eigenen Erfolg gesehen hat: Google hat nicht nur mit seinem Browser Chrome Webdesignern ermöglicht, auf einfache Weise eigene Schriftarten einzubetten. Google hat auch mit Google Fonts jedem Webdesigner (unterstützt von vielen Freiwilligen) eine breite Auswahl an Open-Source-Schriftarten an die Hand gegeben. Selbst wenn noch Modifikationswünsche an diesen bleiben: Dank der offenen Lizenzen und der Open-Source-Software FontForge gelingt es mit begrenztem Aufwand an die perfekte Schriftart zu gelangen.

Diese Website verwendet modifizierte Versionen von Source Serif und Source Sans. Beide Schriftarten sind zwar schön, doch so weit verbreitet (beispielsweise bei FAZ.net), dass sie kaum mehr auffallen. Die weiteren Anforderungen waren folgende: Die Großbuchstaben sollten nicht zu breit sein (im Deutschen werden diese ja recht exzessiv verwendet), das Textbild sollte ungefähr dem von Bitstream Charter entsprechen und die Schriftart sollte moderne kontextabhängige Features unterstützen (beispielsweise ein angehobener Doppelpunkt in Uhrzeiten). Die erste Eigenschaft brachte die Source-Familie mit. Zur zweiten passten die Zeichen schon hervorragend, die Zeichen- und Wortabstände ließen sich mit FontForge anpassen, genauso die kontextabhängigen Features einbauen.

Diese Website soll primär Text ohne viel Ornament und Verzierung anzeigen. In 2026 ist dies dankenswerterweise ohne viel Aufwand recht ordentlich möglich. Das Internet wird dadurch vielleicht nicht besser – es wird aber zumindest schöner.

Geschrieben im April 2026 | Kategorie: Technologie

(Un-)Gerechtigkeit

Es gibt Sätze, die können in wenigen Worten ganze Weltbilder erschüttern. Ein solcher Satz: »Die letzte Hoffnung des Menschen gilt der Ungerechtigkeit Gottes.« (Nicolas Gomez Davila)

Sich ungerecht behandelt zu fühlen, ist einfach. Sucht man danach, lassen sich leicht an jedem Tag dutzende Anlässe finden, bei denen man nicht das erhält, von dem man glaubt, dass es einem gerechterweise zustünde. Dann ist es geradezu logisch, Gerechtigkeit einzufordern mit allen – für einen in der konkreten Situation vorteilhaften – Konsequenzen.

Wenn aber der Mensch nach einem hoffentlich langen und glücklichen Leben vor seinen Schöpfer tritt, spätestens dann verstummt der Ruf nach Gerechtigkeit. Denn der Schöpfer möge ihm doch alle Sünden und Fehler dieses langen Lebens nachsehen und ihm den Weg in den Himmel nicht wegen einiger Lässlichkeiten und Lappalien versperren. Gerechtigkeit? Sie käme gerade sehr ungelegen, jetzt wäre es doch besser, nur ein einziges Mal ungerecht behandelt zu werden. Und als Christ könnte man Glück haben: Denn Jesus Christus – nicht man selbst – ist für die Sünden der Menschen gestorben, deswegen bleibt die Hoffnung auf Erlösung. Das Christentum ist eine ungerechte Religion.

Der Zweifel könnte auch schon früher und alltäglicher einsetzen: Denn sucht man gründlich, zeigt sich schon zu Lebzeiten: Die meisten Ungerechtigkeiten, die einem widerfahren, sind solche, bei denen man von ihnen profitiert. Unverdienter Gewinn (Liebe?) trifft einen in unserer Welt so viel häufiger als unfairer Verlust. Man mag weiter über jeden unfairen Verlust und jede empfundene Benachteiligung klagen, aber urteilt man ehrlich: In Summe lebt es sich doch für einen in der realen, ungerechten Welt schon besser als in einer, in der jeder nur das bekommt, was ihm gerechterweise zustünde.

Geschrieben im Januar 2026 | Kategorie: Zitate