Zwei Beobachtungen

(i) Seitdem wir ins Homeoffice verbannt sind und ich daher permanent vor einem Monitor, einer Maus und einer Tastatur sitze, male ich wieder viel mehr Powerpoint-Folien selbst. In den letzten Jahren habe ich das nur selten getan. Meistens habe ich nur handschriftlich Skizzen entworfen, diese verteilt und dann in kurzen Meetings die fertigen Folien kommentiert. Typische Führungskraft eben.

(ii) Früher war mein privates Standard-Device ein üblicher Laptop, natürlich mit physischer Tastatur. Die meisten Leerlaufzeiten habe ich damit verbracht, irgend etwas in diese Tastatur zu tippen. Entweder Texte oder ich habe herumprogrammiert oder einfach nur an der Konsole eines meiner Server rumgespielt. Heute dagegen ist mein Standard-Device ein Tablet – ohne physische Tastatur. Die meiste Zeit verbringe ich jetzt damit, Texte zu lesen. Die meisten Websites erreiche ich mittels Favoriten oder mittels Autovervollständigung nach Eingabe der ersten zwei bis drei Zeichen.

Vielleicht bestimmt das Werkzeug das ausgeübte Handwerk stärker als es einem lieb ist.

Kategorie: Technologie
Vom 02.05.2020 um 22:36 Uhr

Die scheinbare Macht des Geldes

Es führt in die Irre, wenn man die Macht von Einzelpersonen oberflächlich aus bestimmten Ämtern oder Vermögen ableitet, aber die in der Realität vorliegenden Beschränkungen ignoriert. Formal ist die Bundesverteidigungsministerin die Oberbefehlshaberin von 200.000 schwer bewaffneten Soldaten. Oberflächlich betrachtet ist das mehr als genug Macht, um die Kontrolle im Land an sich zu reißen. In der Realität unterliegt der Oberbefehl aber erheblichen Beschränkungen: Er kann nur in sehr begrenzter Hinsicht ausgeübt werden – im Rahmen der Gesetze, soweit die Soldaten folgen und soweit Bundeskanzlerin, Bundestag und Öffentlichkeit die konkrete Ausübung zumindest dulden. In der echten Welt ist mit dem oberflächlich mächtig erscheinenden Oberbefehl also ein nur sehr geringer diskretionärer Gestaltungsraum, ein sehr geringes Maß an realer Macht verbunden.

Mit großen Akkumulationen von Geld verhält es sich ähnlich: Blackrock verwaltet zwar mit mehr als sechs Billionen(!) Dollar, ein Vermögen, das einem Vielfachen des jährlichen Staatsbudgets Deutschlands entspricht. Allein: Der Großteil das Geldes wurde Blackrock von Anlegern für sogenannte ETF überlassen, also mit einer konkreten Anweisung, nach welcher Verteilung das Geld in welche Unternehmensanteile investiert wird – die Blackrock schlicht gegen eine Gebühr technisch ausführt. Wieder existiert nur ein sehr geringer diskretionärer Gestaltungsraum aus dem heraus Macht ausgeübt werden kann – auch wenn Blackrock sich in der öffentlichen Kommunikation gerne mächtiger darstellt.

Auch der gemeine Milliardär in Westeuropa ist lange nicht so mächtig, wie man sich das vielleicht vom Vermögen her vorstellen mag: Kaufen kann er sich zwar allerlei Luxus, aber vieles geht eben auch nicht. Eine Armee aufstellen und physisch Macht ausüben? Im Rahmen der Gesetze ist das nicht möglich und außerhalb wird der demokratische Rechtsstaat zeigen, wer wirklich die Macht hat. Ganze Landstriche aufkaufen? Versuchen kann man es, aber auch hier wird der Widerstand zügig Grenzen setzen. Politisch Einfluss nehmen? In bestimmtem Maße mag Geld hier helfen, aber selbst, wenn man Milliarden ausgibt, wird man nicht den gleichen Einfluss haben, wie ihn ein charismatischer Parteivorsitzender gleichzeitig ausüben würde. Und hier ist noch außer Acht gelassen, dass die deutsche Öffentlichkeit sicherlich sensibel auf den Versuch reagieren würde, sich politische Macht zu kaufen. Mit Verbrechen durchkommen? Alles Geld der Welt bedeutet gar nichts, wenn der bundesdeutsche Staatsanwalt Haftbefehl erlässt und die Polizei an der Türe läutet. Ein Milliardär mag auf dem Papier mächtig erscheinen, in der realen Welt ist er auch nur ein Mitbürger, der sich ziemlich viel Luxus leisten kann.

Kategorie: Allgemeine Betrachtungen
Vom 02.11.2019 um 14:50 Uhr

Endgame Fallacy

Komplexität reduzieren zu können und dadurch Sachverhalte diskutierbar und vor allem Probleme lösbar zu machen, ist eine der Kernfähigkeiten in der Moderne. Es gibt dafür unterschiedliche Tricks und Kniffe. Ein Trick, dem ich immer wieder begegne, bezeichne ich als Endgame-Betrachtung: Manchmal sind Entwicklungen komplex, man kann aber relativ gut beschreiben, was für ein Zustand an deren Ende besteht. Man beschreibe also diesen Endzustand und leite daraus dann Handlungen ab, ohne jedes Zwischenstadium mitdiskutieren zu müssen.

Mit dieser Komplexitätsreduktion geht aber gewöhnlich noch etwas anderes einher: Der Verlust von Zeitlichkeit. Und das ist oft problematisch. Denn meistens spielt es eben doch eine Rolle, ob das Endgame sehr zeitnah oder erst in ferner Zukunft erreicht wird – und vor allem auch, ob man sein Eintreten früher herbeiführt oder hinauszögert.

Ein Beispiel: „In the long run we’re all dead“ (Keynes) ist unzweifelhaft richtig. Ob man früher oder später stirbt, ist aber schon nicht unwichtig. „Wenn ich im Endgame eh tot bin, kann ich eigentlich (heute) auch die Nahrungsmittelaufnahme einstellen“ ist daher auch ein offensichtlich depperter Vorschlag. Relativ oft begegne ich allerdings Endgame-Betrachtungen, wo genau so etwas abgeleitet wird.

Man sei also auf der Hut vor dieser Fallacy. Es sei denn, man will betrügen – dafür eignen sich Endgame-Betrachtungen relativ gut...

Kategorie: Allgemeine Betrachtungen
Vom 25.10.2019 um 22:01 Uhr

Aporie des teuren Hochgenusses

Es gibt von einem selbst ausgehende Handlungen bei denen man, egal wie die Sache endet, nur verlieren kann. Offen im Moment der Ausführung ist ausschließlich, wie sehr man verliert.

Eine solche Handlung ist zum Beispiel, sich wider aller Hemmungen irgendwann doch einmal eine sehr, sehr teure Flasche Wein zu gönnen. Noch am wenigsten verliert man, wenn diese Flasche Wein eine Enttäuschung ist. Man hat dann einige hundert Euro in den Sand gesetzt für ein Vergnügen, das man deutlich billiger auch hätte haben können. Wirklich zur Erkenntnis gelangt, ob teurer Wein sich lohnt, ist man auch nicht. Es könnte ja auch gerade diese eine Flasche – und nur diese eine – so enttäuschend sein, alle anderen teuren Weine sind vielleicht doch Gottesnektar.

Doch es geht noch schlimmer: Was ist, wenn der teure Wein doch so gut ist, wie es sein Preis erwarten lässt? Dann ist man ruiniert. Denn ab sofort wird kein günstigerer Wein mehr munden. Man muss jetzt wirklich Geld verdienen und ansonsten sparsam leben, um sich regelmäßig den fast unbezahlbaren Genuss zu verschaffen. Und wer weiß: Vielleicht sind noch viel teurerer Weine einfach noch besser? Vom Glück ist man auf jeden Fall jetzt noch weiter entfernt.

Kategorie: Allgemeine Betrachtungen
Vom 27.04.2019 um 21:45 Uhr

Das verborgene Engagement

Es heißt ja dauernd, gerade junge Menschen würden sich immer weniger in Vereinen usw. engagieren. Ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt. Denn wie so vieles hat sich auch dieses Engagement in Teilen ins Internet verlagert und dort neue Formen gefunden – nur der Umgang damit ist immer noch ein anderer.

Dass jemand Kassenprüfer beim örtlichen Kleingärtnerverein ist, findet sich sogar im Lebenslauf, mit dem sich bei einen DAX-Konzern beworben wird (schon gesehen!). Dass aber jemand als Poweruser in einem hochspezialisierten Nischenforum sein Wissen und Können teilt oder dass jemand in der Wikipedia in einem speziellen Themenbereich fast jeden Tag Artikel erstellt und andere verbessert, damit wird außerhalb des Betroffenenkreises doch eher verstohlen umgegangen. Ich warte auf den Tag, an dem ich so etwas zum ersten Mal in Bewerbungsunterlagen entdecke.

Kategorie: Allgemeine Betrachtungen
Vom 27.12.2018 um 14:20 Uhr

Spaß bei der Arbeit

Mit Präpositionen im Deutschen ist das so eine Sache. Weil sie unterschiedliche Bedeutungen haben können, verwirren sie manchmal mehr, als dass sie eine Sache klar werden lassen. Dass die Mitarbeiter Spaß bei der Arbeit haben sollen, ist mittlerweile eine hohe Maxime der zeitgemäßen Führung. Doch gerade in diesem Satz kann die Präposition „bei“ zu einem Missverständniss führen.

Der erste Gedanke ist, das „bei“ zeitlich zu nehmen (ähnlich wie bei: „bei der Abfahrt des Zuges“, „bei Nacht“). Es ginge also darum, dass man während der Arbeitszeit Spaß hat. Das ist auch richtig (Spaß außerhalb der Arbeitszeit ist ganz sicher nicht gemeint), aber noch nicht präzise genug. Natürlich ist die Vorstellung reizvoll, in der Arbeitszeit in den Freizeitpark zu fahren. Dass die Kollegen mit dabei sind, ist dann ein kleiner Preis. Spaß ist dafür zwar der richtige Begriff, doch nachhaltig ist das nicht und das weiß auch jeder. Ich habe noch niemanden sagen hören: „Mein Job ist ziemlich mies, aber einmal im Jahr machen wir eine lustige Fahrt, deswegen würde ich schon sagen, dass ich Spaß bei der Arbeit habe.“ So läuft es einfach nicht.

Eigentlich geht es doch darum, dass man arbeitet – also seine Zeit und Energie produktiv und zielbewusst einsetzt – und dabei auch noch, als begleitender Umstand etwas oder etwas mehr Spaß hat. „Bei“ ist da die Präposition des begleitenden Umstands (etwa wie „bei größter Anstrengung“). Der Begriff „dabei“ beschriebe die Sache präziser. Es geht darum zu arbeiten und dabei auch noch begleitend Spaß zu haben.

Hier aber hilft die einmal jährliche Fahrt in den Freizeitpark nicht. Sie entspricht eher einem Spaß anstelle der der Arbeit, von der man einstweilen befreist ist. Am nächsten Tag aber ist wieder Leiden angesagt.

Kategorie: Unternehmenskultur
Vom 12.12.2018 um 20:50 Uhr

Erfahrung heißt gar nichts.

„Training on the job“ ist in der Unternehmenspraxis der wichtigste Teil der Ausbildung: Man legt einfach los mit der Aufgabe, die es zu erlernen gilt. Währenddessen komme man schon nach und nach darauf, wie es läuft. In der Praxis funktioniert das gut – sonst hätte es sich ja auch nicht durchgesetzt – ich will aber behaupten, dass der wichtigste Schritt in einer Zwischenstufe liegt.

Im Sport und bei anderen körperlichen Routinetätigkeiten mag wirklich unmittelbar gelten, dass Übung den Meister macht. Wer regelmäßig Speerwerfen übt, wird dadurch immer besser und besser. Für akademische Tätigkeiten ist der Zusammenhang aber nicht so einfach, allein vom Tun wird da noch niemand besser – man kann seine Sache auch 35 Jahre schlecht machen (Tucholsky). Der Schlüssel zur Selbstvervollkommnung liegt erst in der Reflektion über das, was man tut. Nur mit der Analyse dessen, was passiert, und im Nachdenken, wie man es noch besser machen könne, entwickelt man sich weiter. Deswegen ist auch Feedback so wichtig. Als Hilfsmittel der Analyse durch Dritte und als Anstoß zur eigenen Reflektion.

Wenn aber die eigene Reflektion das wichtigste Mittel zur eigenen Weiterentwicklung ist, bin ich doch überrascht, wie wenig dieser Prozess von Organisationen typischerweise unterstützt und forciert wird. Ich las in einem Roman mit Handlungsort China, dass der Befehlshaber seine Generäle regelmäßig Essays schreiben ließ. So weit muss man natürlich nicht gehen, auch wenn ich nicht gänzlich abgeneigt bin. Aber etwas mehr kann die Organisation da schon tun.

Kategorie: Unternehmenskultur
Vom 08.12.2018 um 19:26 Uhr

Die Schwerkraft ist schuld!

Schon mehrfach habe ich Menschen als Erklärung für das Scheitern von Projekten so oder so ähnlich sagen hören: „Dann sind wir in die Mühlen der Firmenpolitik geraten und dann war es vorbei.“

Ich finde das eine ziemlich merkwürdige Rechtfertigung. Es ist ungefähr so, als würden die Verantwortlichen nach einem Flugzeugabsturz darauf verweisen, das Unglück sei eben von der Schwerkraft verursacht worden. Auch wenn das zweifellos richtig ist, würde doch niemand akzeptieren, dass die Untersuchung mit dieser Erklärung endet. Es ist eben die Natur des Fliegens, der Schwerkraft zu trotzen. Erklärt werden muss, welches Ausnahmesituation, welches Versagen jetzt dazu geführt hat, dass dies nicht mehr wie vorgesehen funktioniert hat.

Ebenso verhält es sich mit der Firmenpolitik. Sie existiert einfach, ob der einzelne das möchte oder nicht – sie ist die Schwerkraft innerhalb des Konzerns, sie ist seine Natur. Der Job des Managers besteht ganz wesentlich darin, in ihr zu wirken. Wer sich darauf beruft, dass sie einfach plötzlich da gewesen sei oder sich spontan verändert habe und so das Scheitern verursacht habe, verkennt entweder gravierend die Grundvoraussetzungen seines Wirkens oder will der Debatte über die wahren Gründe des Scheiterns ausweichen.

Kategorie: Unternehmenskultur
Vom 01.12.2018 um 15:39 Uhr

Handelsgewinne

Tom Sawyer muss den Zaun streichen, darauf hat er jedoch keine Lust. Mit einem Trick bringt er die anderen dazu, ihm dies abzunehmen. Sie bezahlen ihn sogar dafür. „Wäre die Farbe nicht ausgegangen, hätte Tom sämtliche Jungen des Ortes bankrott gemacht.“ In meiner Erinnerung gab es hier ein klares Gefälle: Auf der einen Seite der gerissene Tom Sawyer und auf der anderen die einfältigen anderen Kinder, die sich so einfach austricksen lassen.

Ich glaube, ich war da im Irrtum: Die anderen Kinder sind deshalb bereit zu bezahlen, weil sie wirklich Spaß am Streichen des Zaunes haben, ziemlich großen sogar. Sie sind nicht einfältig, sie sind in dieser Geschichte die Gewinner. Das Gefälle ist künstlich hinzuinterpretiert. Tom Sawyer ist nicht gerissen, er ist weise: Er erschafft aus dem Nichts etwas Wertvolles.

Kategorie: Allgemeine Betrachtungen
Vom 22.09.2018 um 17:52 Uhr

Das Internet vs. Social Media

Es muss 1998 oder 1999 gewesen sein, als ich das erste Mal am eigenen PC das Internet erkunden konnte. Damals ein anarchischer Raum, der schon allein durch seine sofort sichtbare Unvollkommenheit jeden dazu eingeladen hat, selbst sein Mögliches dazu beizutragen. Ein paar E-Mails an Webmaster hinter Websites mit ähnlichen Themen, zu gegenseitiger Verlinkung einladend, und schon war man drin.

Auch Oberflächlichkeiten (dem Trend blinkenden GIFs zum Trotz) waren nur von peripherer Bedeutung, das Internet war ein Medium zum Austausch von verlinkten und verlinkenden Fließtexten. Im Mittelpunkt standen Informationen. Es war herrschaftsfrei, jeder konnte mitmachen, ohne sich irgendwelchen Regeln und Konventionen fügen zu müssen, die sich nicht zwingend aus der zugrungeliegenden Technik ergaben.

Heute, 2017, hat sich das Rad weitergedreht, jetzt sind wir bei informationsarmen, maximal sprücheklopfenden Kurznachrichten (Twitter), komplett standardisierten Selbstdarstellungen (Facebook) und beinahe vollständiger Textfreiheit (Instagram) angekommen, das Ganze auch noch der vollständigen Kontrolle der jeweiligen Plattformbetreiber unterworfen. Social Media ist das Gegenteil des Internets.

Kategorie: Technologie
Vom 05.02.2017 um 15:53 Uhr

Siezen im mittleren Management

Mit dem Duzen und Siezen ist das so eine Sache. Manchmal zieht schon die schlichte Frage, wer wem denn das „Du“ anbieten darf, höchst wortakrobatische Tänze nach sich.

Je höher der Gegenüber in der Hierarchie steht, desto wahrscheinlicher wird das „Sie“. Eine Ausnahme: Den einen an der Spitze, denjenigen, der ganz oben steht, darf man völlig ungehemmt duzen. „Vater, der Du bist im Himmel.“

Kategorie: Unternehmenskultur
Vom 20.05.2016 um 21:19 Uhr

Mitigation ins Glück

Das Business-Deutsch ist reich an Wörtern, die wenig ausdrücken und viel verschleiern. Das schönste unter ihnen: mitigieren.

Ein Problem wird mitigieren. Selbst dem unbedarftesten Leser ist sofort klar: Es wird nicht gelöst, sonst stünde ja geschrieben, dass es gelöst wird. Ignoriert wird es aber auch nicht, einen solchen Gedanken lässt dieser lateinische Koloss nicht zu. Gesprochen klingt das Wort fast noch bedeutsamer als sich geschrieben liest.

Fast noch schöner ist die Nominalisierung: Mitigation. Dann ist auch noch weg, wer eigentlich mitigiert, was mitigiert wird und wann es denn passiert.

Kategorie: Unternehmenskultur
Vom 15.04.2016 um 22:26 Uhr
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