(Un-)Gerechtigkeit

Es gibt Sätze, die können in wenigen Worten ganze Weltbilder erschüttern. Ein solcher Satz: »Die letzte Hoffnung des Menschen gilt der Ungerechtigkeit Gottes.« (Nicolas Gomez Davila)

Sich ungerecht behandelt zu fühlen, ist einfach. Sucht man danach, lassen sich leicht an jedem Tag dutzende Anlässe finden, bei denen man nicht das erhält, von dem man glaubt, dass es einem gerechterweise zustünde. Dann ist es geradezu logisch, Gerechtigkeit einzufordern mit allen – für einen in der konkreten Situation vorteilhaften – Konsequenzen.

Wenn aber der Mensch nach einem hoffentlich langen und glücklichen Leben vor seinen Schöpfer tritt, spätestens dann verstummt der Ruf nach Gerechtigkeit. Denn der Schöpfer möge ihm doch alle Sünden und Fehler dieses langen Lebens nachsehen und ihm den Weg in den Himmel nicht wegen einiger Lässlichkeiten und Lappalien versperren. Gerechtigkeit? Sie käme gerade sehr ungelegen, jetzt wäre es doch besser, nur ein einziges Mal ungerecht behandelt zu werden. Und als Christ könnte man Glück haben: Denn Jesus Christus – nicht man selbst – ist für die Sünden der Menschen gestorben, deswegen bleibt die Hoffnung auf Erlösung. Das Christentum ist eine ungerechte Religion.

Der Zweifel könnte auch schon früher und alltäglicher einsetzen: Denn sucht man gründlich, zeigt sich schon zu Lebzeiten: Die meisten Ungerechtigkeiten, die einem widerfahren, sind solche, bei denen man von ihnen profitiert. Unverdienter Gewinn (Liebe?) trifft einen in unserer Welt so viel häufiger als unfairer Verlust. Man mag weiter über jeden unfairen Verlust und jede empfundene Benachteiligung klagen, aber urteilt man ehrlich: In Summe lebt es sich doch für einen in der realen, ungerechten Welt schon besser als in einer, in der jeder nur das bekommt, was ihm gerechterweise zustünde.

Geschrieben im Januar 2026 | Kategorie: Zitate