Späte Einsichten

Im Schulbuch war die Sache noch eindeutig: 1848 begehrt das deutsche Volk auf gegen seine Könige und Fürsten. Es fordert Demokratie, Menschenrechte und Freiheit. Also eine Auseinandersetzung zwischen Gut, dem aufbegehrenden, tapferen Volk, und Böse, den machtgierigen Königen und ihren Lakaien. Alles recht eindeutig also. Doch ein kleines Störgefühl blieb: Warum, wenn doch das Volk so im Recht ist und so geschlossen aufbegehrt, warum gewinnen dann am Ende doch die Fürsten?

Jahre später lese ich Bismarcks Autobiographie [1]: Bismarck berichtet, wie er dieser revolutionären Tage auf sein Landgut kommt. Dort haben sich die Bauern bewaffnet und fordern ihn auf: »Fürst, führ’ uns an, wir marschieren auf Berlin und befreien unseren König!« Es fällt einem wie Schuppen von den Augen. Die Revolution wird nicht so breit unterstützt, wie man gedacht hat. In den Städten mag sie Unterstützer haben, die Bauern aber, von den Hohenzollern aus der Leibeigenschaft zu bescheidenem Wohlstand geführt, unterstützen ihren König. Und wenn Städter auf Bauern treffen, wissen wir wie ein Händel ausgeht. Deswegen gewinnen die Fürsten. Es ist wieder recht eindeutig. Nur eben hundertachtzig Grad gedreht.

Ein weiterer vermeintlich eindeutiger Fall: Wieder im Schulbuch findet sich die Reichtagsrede Otto Wels’ gegen das nationalsozialistische Ermächtigungsgesetz. Man ist nach der Lektüre felsenfest überzeugt, dass sie eine große Rede ist. Er bringt nicht nur den Mut auf, Hitler trotz aller Drohungen entgegenzutreten, er würde auch absolut zwingend argumentieren. Die Sozialdemokraten führten den Kampf um die außenpolitische Gleichberechtigung und Selbstbestimmung nach Versailles genauso leidenschaftlich wie die Nationalsozialisten. Wer wie Hitler im Äußeren Gleichberechtigung und Selbstbestimmung verlange, dürfe nicht – wie die Nationalsozialisten mit dem Ermächtigungsgesetz – im Inneren diese verweigern und die Opposition unterdrücken. Noch dazu eine, die mindestens genauso patriotisch sei wie die Nationalsozialisten. Deutschlands Reputation in der Welt sei bedroht. Man denkt damals: Wels hat nicht nur die sozialdemokratische Ehre hochgehalten, er muss die Nationalsozialisten ins Herz getroffen und so die Debatte eindeutig gewonnen haben. Und doch bleibt wieder dieses Störgefühl: Warum ist die Sache dann nicht anders ausgegangen? Warum haben nicht spätestens nach Hören dieser Rede zumindest die Mitteparteien gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt, das dann ohne die notwendige Zweidrittelmehrheit geblieben wäre?

Wieder Jahre später: In einem der Bonner Museen höre ich über die Kopfhörer Wels’ Rede. Aber das Tonband endet nicht mit ihm, es folgt noch Hitlers mir bis dahin unbekannte Replik. Sie ist ein Schock. Hitler zerlegt Wels’ Rede: Wels würde jetzt patriotisch reden, aber wo sei dieser Patriotismus gewesen, als die SPD noch an der Macht war, wo 1918, fragt Hitler, anspielend auf die Dolchstoßlegende? Der Reputationsschaden, dafür sei die sozialistische Presse im Ausland verantwortlich. Wenn die Sozialdemokraten wirklich Patrioten wären, könnten sie dies spielend beenden. Unterdrückung im Inneren? Er listet auf, was die Nationalsozialisten erlitten zu haben meinen, als die SPD noch an der Macht war: Parteiverbot, Verfolgung, Haft. Was Wels vortrage, sei heuchlerisch. Oppositionsrechte seien ihm erst jetzt wichtig, wo seine Partei selbst in der Opposition sei. Die Nationalsozialisten würden nichts anderes mit der Opposition machen, als diese zuvor in der Regierung mit den Nationalsozialisten getan hätte. So verkehrt, aber ein Satz, zu dem es kaum eine Erwiderung gibt. Man will nicht, dass Hitler gewinnt, mit jeder Pore hofft man, dass er verliert. Und doch kann man sich des Gedankens nicht erwehren, dass er Wels rhetorisch geschlagen hat. Was sich vorm Hören der Replik noch bei Wels als geschicktes Argumentieren angefühlt hat, erscheint einem jetzt partiell als anbiedernd und insgesamt als Vorlage für Hitler. Wels bleibt ein Held, die Rede aber ist leider keine große. Wieder hat sich eine Beurteilung um hundertachtzig Grad gedreht.

Das sind zwei Sachverhalte, 1848 und Wels’ Rede, bei deren Beurteilung ich jahrelang geirrt habe. Es ist mir eine Warnung: Wenn man sich schon da so grundsätzlich und in der Rückschau so offensichtlich irrt, wo irrt man dann noch? Der Zweifel an den eigenen Überzeugungen bleibt immer berechtigt. Und besonders misstrauisch muss man sein, wo einem die Überzeugungen zu sehr gefallen.

Geschrieben im Mai 2026 | Kategorie: Betrachtungen